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Marktwirtschaftsversagen #1: facebook

Vor einiger Zeit habe ich hier ja mal eine Erklärung für die vielen Monopolanbieter im Internet versucht und angekündigt, mich ausführlicher damit zu beschäftigen, wie man diese auflösen könnte.

Muss dafür erstmal die Frage beantwortet werden, warum Monopole überhaupt aufgelöst werden sollten? Ich hoffe nicht. Die gesellschaftlichen Nachteile sind offensichtlich und allgemein anerkannt: Monopole führen zu überhöhten Preisen, schlechteren Leistungen, fehlender Innovation und letztlich dazu, dass weniger umgesetzt wird als möglich wäre. Außerdem ist ein abgeschotteter Markt, in dem nur ein Anbieter die von ihm allein festgesetzten überhöhten Gewinne einfährt, schlichtweg eines: ungerecht. Ich bin kein Volkswirt, aber unter „Markt“ stelle ich mir im Idealfall einen Ort vor, an dem ich meinen Stand aufmachen kann, meine Produkte anbieten und damit ohne größere Hürden auch dem bisher besten Anbieter seine Kunden abjagen kann.

Schauen wir uns also mal um, in diesem Internet und nehmen eine Ecke etwas genauer unter die Lupe: den „Markt der Sozialen Netzwerke“. (Es fällt mir schon einigermaßen schwer, das ohne ein deutliches *hust* in die Tasten zu hacken.) Man braucht keine eingehende Marktanalyse um festzustellen, dass trotz zahlreicher Anbieter wie wer-kennt-wen, Jappy, StudiVZ, myspace, Google+ usw. im wesentlichen ein Platzhirsch als Monopolist auftritt: facebook. Und den Hauptgrund dafür habe ich im letzten Beitrag ja schon erwähnt: der Netzwerkeffekt. Denn wenn es um Kommunikation mit anderen geht, wollen verständlicherweise alle da sein, wo alle sind.

Trotz Netzwerkeffekt, der bei Sozialen Netzwerken ja praktisch eingebaut ist, gibt es aber einen zentralen Hebel, mit dem man ein zwangsläufig entstehendes Monopol als bewusste Entscheidung ein- und ausschalten kann: den Lock-in-Effekt. Nehmen wir einmal e-mail zum Vergleich und stellen uns als Gedankenexperiment vor, große Anbieter wie Hotmail, GMX, web.de, AOL usw. hätten vor 15 Jahren die unternehmerische Entscheidung getroffen, Nachrichten nur innerhalb ihres Systems zuzulassen. Hotmail-Kunden schreiben nur an Hotmail, GMX-Kunden bleiben unter sich und wer seinem Außenseiter-Freund bei AOL eine Nachricht schreiben will, schiebt erstmal eine „Sunil-CD“ ein. Was wäre passiert? Vielleicht wäre e-mail komplett gestorben. Wahrscheinlicher aber hätte sich ein Anbieter (der „beste“) durchgesetzt und alle würden nur noch bei diesem mailen. Irgendwann später wäre vielleicht GoogleMail gekommen und alle hätten gewechselt. Oder auch nicht.

Gottseidank gab es eine solche unternehmerische Entscheidung nie. Oder es gab sie, aber sie ist von der Geschichte überrollt worden. Entscheidend ist dabei sicher auch, dass es e-mail schon gab bevor all die Geschäftsmänner und -frauen ankamen, um im Internet Geld zu verdienen. Soziale Netzwerke gab’s noch nicht. Und das e-mail-Beispiel ist so gut, dass man daran auch heute noch zeigen kann, wie ein funktionierender Markt aussieht. Als Kunde habe ich jederzeit die Wahl, vom werbefinanzierten GoogleMail zu einem werbefreien, sicheren und datenschutzkonformen Anbieter wie lavabit zu wechseln. Kostet: 1€ im Monat. Ich kann dabei alle meine alten emails mitnehmen und sogar meine 15 Jahre alte GMX-Adresse behalten. Details hier.

Try this with facebook. Und wie schön bunt könnte die Welt sein, wenn nicht jede einzelne persönliche Pinwand einen blauen Statusbalken und grau-weißen Hintergrund hätte. Welche Möglichkeiten sich ergeben würden, wenn facebook-Nutzer ihre Freunde von Google+ adden könnten, wenn eine kleine Garagenklitsche den nächsten großen Coup landen könnte, weil ihr SocialNetwork-Zugang noch viel cooler aussieht und auch 15-Jährige anspricht, statt nur 25- bis 45-jährige. Und die Arbeitsplätze, die überall entstehen würden! Stattdessen stopfen sich ein Nerd und ein paar Investoren die Taschen voll, weil sie schlicht das Glück hatten in der großen Milliarden-Lotterie das Jackpot-Los zu ziehen. Und Kritiker sind ja bloß neidisch.

Der Fehler liegt hier im System, denn Netz und Netzzugang liegen in einer Hand. In der klassischen Wirtschaft heißt die Lösung dafür übrigens Unbundling:

Speziell im Recht der sog. leitungsgebundenen Netzwirtschaften (Energie, Eisenbahn, Telekommunikation) beziehen sich die Vorgaben zur Entflechtung schwerpunktmäßig auf die Trennung des Netzinfrastrukturbetriebes von den vor- und nachgelagerten Wertschöpfungsstufen der jeweiligen Netzwirtschaft.

Wir könnten also auf einen staatlichen Eingriff hoffen, der den Netzanbieter facebook verpflichtet, nicht nur den Zugangsprovider facebook sondern auch andere Anbieter wie myspace, StudiVZ oder Google+ in sein Netzwerk zu lassen.

Oder man probiert es diesmal ganz anders. Ohne staatliche Hilfe. Man baut ein freies, dezentrales Soziales Netzwerk wie Diaspora* und lässt so die Türen für andere Anbieter explizit offen. Je einfacher und schicker ein solches Angebot ist, und je mehr facebook-Nutzer genervt ihre Accounts schließen, desto attraktiver könnte die Teilnahme daran für alle werden. Die Erfahrung der letzten Jahre zeigt leider: das allein reicht wohl nicht. Wäre es dann nicht sinnvoll, bei all den Verlierern in der Jackpot-Lotterie mal anzufragen, ob sie nicht mitmachen wollen? Man stelle sich vor, Google+ öffnet sich morgen für Diaspora. Und das neue myspace macht mit. Und über kurz oder lang sprießen überall neue Anbieter aus dem Boden, die auch ein Stück vom Kuchen abhaben möchten. Und auch durchaus sollen. Über kurz oder lang hätten wir wieder einen offenen, funktionierenden Markt mit hunderten Teilnehmern und Millionen Nutzern und wahrscheinlich würde sich dann auch ein Anbieter finden, der für einen Euro im Monat meine Daten für sich behält und keine Werbung schaltet.

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3 Kommentare zu “Marktwirtschaftsversagen #1: facebook

  1. […] wie bei den Beispielen e-mail und facebook gehört zum erfolgreichen Missbrauch des Netzwerk-Effektes noch die bewusste Entscheidung, den […]

  2. „Man baut ein freies, dezentrales Soziales Netzwerk wie Diaspora und lässt so die Türen für andere Anbieter explizit offen. … Wäre es dann nicht sinnvoll, bei all den Verlierern in der Jackpot-Lotterie mal anzufragen, ob sie nicht mitmachen wollen?“

    This is an interesting idea. But I fear that consumer social networks is probably the hardest place to make it work. Too much is stacked against it: the network effect operating in favour of the existing winners, the „Verlierer“ show little interest in handing some of the value chain to the platform (trapped by their own strategy and investors). Since success depends on the „Verlierer“ having and growing a reasonable market position to initially make the open platform viable, they are even less likely to participate.

    But the equivalent approach could be very effective for a B2B platform … hmm… This is something we need to think and talk through.

  3. […] Strukturen in der digitalen Welt hab ich ja immer einen klaren Hauptschuldigen gefunden: 1) Facebook: Netzwerkeffekte (kombiniert mit Lock-In) 2) Windows: Lock-In (kombiniert mit Netzwerkeffekten) 3) […]

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