Ein Kommentar

Marktwirtschaftsversagen #2: Windows

Meine kleine Reise durch die Digitale Ökonomie geht weiter. Heute mal: Computer-Betriebssysteme am Beispiel Windows.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: ich persönlich kann Windows nicht leiden. Die letzte Version, die ich eigenhändig installiert habe muss wohl Windows XP vor über zehn Jahren gewesen sein. Eigenhändig gelöscht habe ich seither viele. Und damit sind wir auch schon mitten drin im Problem: wieso ist eigentlich auf fast jedem Computer, den ich in den letzten zehn Jahren gekauft habe, Windows vorinstalliert? Und wieso zahle ich mit dem Kaufpreis zeitgleich eine Lizenz, die ich überhaupt nicht haben möchte? Und überhaupt, wieso ist Microsoft auf dem „Markt“ (*hust*) der PC-Betriebssysteme ein derartiger Monopolist? Nicht-Rivalität? Netzwerk-Effekt? Lock-in-Effekt? Schauen wir mal etwas genauer hin.

Man mag meinen, ein Betriebssystem zu entwickeln kostet enorm viel Geld. Im Falle des Windows-Vorläufers MS-DOS hatte Bill Gates jedoch schlicht das unternehmerische Geschick, zuerst mit IBM einen Vertrag über die Lieferung eines Betriebssystem abzuschließen, und danach für weniger als ein Drittel der Summe eine billige Kopie des damaligen Standards CP/M einzukaufen. Das nannte er nach ein paar Modifikationen MS-DOS und lieferte es an IBM aus. Der Rest ist Geschichte, denn schnell stellten zahlreiche Hersteller ihre eigenen IBM-kompatiblen Computer her, und auf allen lief MS-DOS, und Microsoft strich für jede Kopie Geld ein. Diese herzustellen kostete natürlich nichts und darin dürfte der Hauptgrund für die Monopolbildung beim Verkauf von Computerprogrammen und -betriebssystemen liegen: die fehlende Rivalität. Grenzkosten von nahzu null sorgen für traumhafte Gewinnmargen, die nach Abzug privater Profite sofort wieder in die Verbesserung der Software gesteckt werden können. Damit lässt sich auch jeder potenzielle Konkurrent leicht abhängen. Und Bill Gates‘ Privatvermögen ist inzwischen so gigantisch, dass seine Stiftung mit mindestens 1,5 Milliarden US-$ jedes Jahr mehr Geld ausschüttet, als das deutsche Entwicklungshilfeministerium für „Bilaterale Technische Zusammenarbeit“ aufwendet. Spätestens hier wird deutlich, dass diese Form der Geldeintreiberei nichts mehr mit einem gesunden Wirtschaftssystem zu tun haben kann.

Bis heute, 30 Jahre später, schafft Microsoft es, den MS-DOS-Nachfolger Windows als Monopol und de-facto-Standard für PC-Betriebssysteme aufrecht zu erhalten. Denn es kommt eine weitere wichtige Komponente hinzu: alle Leute benutzen Windows, weil alle Leute es benutzen. Windows auf nahezu jedem verkauften PC, Windows-Computer in den Schulen und Hochschulen, Windows-Kenntnisse als Einstellungskriterium, Windows-Software von Freunden bekommen, Windows-Software im Internet zum Download und Windows-Software in allen Kaufhaus-Regalen. Je mehr Leute in einer Windows-only-Welt leben, desto größer ist der Anreiz, es selbst auch zu tun. Das ist der Netzwerk-Effekt beim Verkauf von Software.

Doch wie bei den Beispielen e-mail und facebook gehört zum erfolgreichen Missbrauch des Netzwerk-Effektes noch die bewusste Entscheidung, den Nutzer einzusperren und nicht wieder rauszulassen: per Lock-in. Wikipedia zitiert die interne Notiz eines Microsoft-Managers an Bill Gates aus dem Jahr 1997 wie folgt:

„The Windows API is so broad, so deep, and so functional that most ISVs would be crazy not to use it. And it is so deeply embedded in the source code of many Windows apps that there is a huge switching cost to using a different operating system instead…

It is this switching cost that has given the customers the patience to stick with Windows through all our mistakes, our buggy drivers, our high TCO, our lack of a sexy vision at times, and many other difficulties […] Customers constantly evaluate other desktop platforms, [but] it would be so much work to move over that they hope we just improve Windows rather than force them to move.

In short, without this exclusive franchise called the Windows API, we would have been dead a long time ago.“

Hier gibt also bereits vor 15 Jahren jemand der es wirklich wissen muss, völlig offen zu: würden wir unsere Kunden nicht so hoffnungslos einsperren, hätten die mit Sicherheit lange gewechselt und Windows wäre lange tot.

Gottseidank leben wir seit einiger Zeit nicht mehr in dieser Windows-only-Welt: der Hardware-Hersteller Apple hat es geschafft, einigermaßen viele Leute davon zu überzeugen, dass die Windows-inkompatiblen Macs jetzt viel cooler sind. Apple verkauft zum Glück nur Geräte mitsamt Betriebssystem, kein Betriebssystem allein. Entsprechend aussichtlos ist die Ablösung des Monopols. Erfolgreicher könnte da schon Google im Bereich der Smartphones sein. Die verkaufen auch kein Betriebssystem, sondern verschenken es an die Gerätehersteller. Und die Samsungs, Sonys, Panasonics, LGs, HTCs, … dieser Welt greifen dankbar zu. Google ist mit diesem Verschenken so unglaublich erfolgreich, dass Android als Smartphone-Betriebssystem im zweiten Quartal 2012 einen weltweiten Marktanteil von 68% hatte, nach 52% im Jahr 2011 und 25% im dritten Quartal 2010.

Aber auch beim Verschenken von quelloffenen Betriebssystemen muss man feststellen: das ist kein „Markt“ im engeren Sinne. Wir haben also Beispiel Nummer zwei für das Versagen bisher leidlich funktionierender ökonomischer Mechanismen. Und im Prinzip zeigt Google auch den Weg in die Zukunft: Open Source als gemeinsame Basis, auf die jeder Geräte-Hersteller seine eigene Anwender-Oberfläche draufbaut um sich vom Nachbarn zu unterscheiden, wenn er denn nicht wie Apple sein eigenes Betriebssystem unterhalten möchte. Warum sollte sowas nicht auch für PCs gehen? Damit wären wir auch den fürchterlichen Windows-Lock-in los und könnten die dunkle Zeit hinter uns lassen, in der sich ein einzelnes Unternehmen, also einige ganz wenige Menschen mit dem millionenfachen Verkauf kostenlos herstellbarer Betriebssystem-Kopien maßlos bereichert haben.

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Ein Kommentar zu “Marktwirtschaftsversagen #2: Windows

  1. […] einen klaren Hauptschuldigen gefunden: 1) Facebook: Netzwerkeffekte (kombiniert mit Lock-In) 2) Windows: Lock-In (kombiniert mit Netzwerkeffekten) 3) Wissenschaftsverlage: Nicht-Rivalität digitaler […]

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