Ein Kommentar

Marktwirtschaftsversagen #3: Wissenschaftliche Verlage

Die Welt der Wissenschaft ist komplex und der Kapitalismus auch. Wo aber Wissenschaft auf Kapitalismus trifft, wird’s undurchschaubar, könnte man meinen. Dabei ist doch alles ganz einfach:

  • Wissenschaftler forschen,
  • ihre Ergebnisse reichen sie in Form von Artikeln bei Zeitschriften-Verlagen zur Veröffentlichung ein,
  • die Verlage begutachten die Arbeiten und veröffentlichen die besten in ihren Magazinen,
  • Uni-Bibliotheken kaufen die Zeitschriften, so dass andere Forscher die Artikel lesen können.

Soweit die Theorie. Oder auch die Geschichte. Willkommen in der digitalen Gegenwart, schauen wir doch noch einmal genau hin, was heutzutage wirklich passiert. Und nehmen wir doch mal die Perspektive des Steuerzahlers ein:

  • der Staat bezahlt die universitäre Forschung aus Steuergeldern,
  • die Forscher reichen ihre Arbeiten bei Verlagen ein und zahlen hierfür nicht selten eine Gebühr,
  • ein vom Forscher vorgeschlagener Reviewer, selbst mit Steuergeldern bezahlter Wissenschaftler einer Universität, verfasst unentgeltlich ein Gutachten,
  • der Verlag setzt den Namen des Journals und einen Zeitstempel auf die Arbeit und veröffentlicht sie zum digitalen Download für 30$-100$ pro Kopie,
  • Universitätsbibliotheken bestellen elektronische Abos der Zeitschriften zu Preisen von bis zu 40.000$ pro Jahr.

Was genau also tut der Verlag? Richtig: Geld einsammeln. Und zwar nicht zu knapp. Elsevier erwirtschaftet einen Jahresumsatz von über 3 Milliarden US-Dollar, Wiley macht 1,7 Mrd US-Dollar, Springer immerhin noch 1,1 Milliarde. Warum deren Gewinnraten nur um die 35-40% liegen, d.h. wo abgesehen von den Gehältern ihrer paar tausend Mitarbeiter tatsächlich noch Kosten entstehen, bleibt ihr Geheimnis. Vielleicht ist es auch aufwändiger als man denkt, so viel Geld von so vielen verschiedenen Stellen einzusammeln.

Der wirtschaftliche Effekt ist jedenfalls klar: Umverteilung von unten nach oben in ganz großem Stil. Allein in Deutschland werden jährlich geschätzt 200 Millionen Euro Steuergelder für wissenschaftliche Zeitschriften ausgegeben, d.h. für den Zugang zu steuerfinanziertem Wissen. Die Auswirkungen im „Markt“ sind ebenso klar: Konzentration auf einige ganz große Player und Monopolisierung. Und natürlich liegt auch hier die Ursache in der Digitalisierung: sinkende Produktionskosten kombiniert mit Exklusivrechten auf den Verkauf von Information. Und das brilliante neue Geschäftsmodell wird durch ein veraltetes Urheberrecht geschützt: weil der Forscher alle Verwertungsrechte an die Verlage abtritt, darf er seine Arbeit nach Veröffentlichung in einer Zeitschrift nicht einmal mehr auf seiner eigenen Homepage zum Download anbieten.

George Monbiot formuliert es in einem Guardian-Artikel so:

Who are the most ruthless capitalists in the western world? Whose monopolistic practices make Walmart look like a corner shop and Rupert Murdoch a socialist? You won’t guess the answer in a month of Sundays. While there are plenty of candidates, my vote goes not to the banks, the oil companies or the health insurers, but – wait for it – to academic publishers.

Und wie löst man diese höchst ungerechten, unwirtschaftlichen, unsozialen Monopolstrukturen nun am besten auf? Theoretisch ist es ein ganz einfacher Gedanke: Öffentlich finanzierte Forschungsergebnisse müssen der Öffentlichkeit kostenfrei zur Verfügung stehen. Oder wie ein Juniorprofessor der FU Berlin es kürzlich in einem Appell an die Politik formulierte: „Verpflichten Sie mich, meine Ergebnisse frei zugänglich zu machen, sonst verpflichten mich die Verlage es nicht zu tun!“

Praktisch heißt diese recht einfach anmutende Lösung „Open Access“ und ist so fürchterlich kompliziert, dass (wie in vielen anderen Bereichen des Urheberrechts) seit Jahren nichts passiert.

Update:
@Ertraeglichkeit ergänzt per Twitter noch einige sehr gute Punkte, weshalb die Reviewer bei dem ganzen Spiel mitmachen:

a) als Fachmann anerkannt werden
b) Vitamin B Netzwerk
c) Abwechslung zum Alltag
d) „Inspiration“ durch noch nicht veröffentlichte Ideen
e) aus Uni Verwaltungsaufgaben herausreden

Ich bin überzeugt, dass die Reputationsökonomie der Wissenschaft, in der Zitate als anerkannte Währung gelten, an ganz vielen Stellen kaputt ist. Optimierungsstrategien für möglichst viele Zitierungen, Aneignung der Autorenschaft anderer, prekäre Arbeitsverhältnisse der wissenschaftlichen Mitarbeiter, fehlerhafte und gefälschte Arbeiten… ich wüsste überhaupt nicht, wo man anfangen soll, das alles zu beschreiben. Diese Verhältnisse zu reformieren, sollte allerdings Aufgabe der vielen klugen Menschen sein, die an diesem komplexen System beteiligt sind. Da es aber öffentlich finanziert ist, sollte die Gesellschaft aus meiner Sicht genau eine Vorgabe machen: kein Umschaufeln von Steuergeldern in die Taschen nutzloser, monopolistischer Konzerne!

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Ein Kommentar zu “Marktwirtschaftsversagen #3: Wissenschaftliche Verlage

  1. […] Netzwerkeffekte (kombiniert mit Lock-In) 2) Windows: Lock-In (kombiniert mit Netzwerkeffekten) 3) Wissenschaftsverlage: Nicht-Rivalität digitaler Güter (Grenzkosten nahe […]

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