Ein Kommentar

Marktwirtschaftsversagen #4: Google

„Es ist Zeit, über die Monopole im Internet nachzudenken“ schreibt FAZ-Redakteur Patrick Bernau in einer recht losen Gedankensammlung auf seinem Blog und scheint damit zurzeit ein ziemlich deutliches Alleinstellungsmerkmal unter deutschen Journalisten zu haben. Wie recht er hat: es ist Zeit. Und natürlich ist es auch Zeit, den Fokus meiner kleinen Reihe zum Marktwirtschaftsversagen endlich mal auf Google zu richten.

Je intensiver man sich mit der Debatte um eine mögliche Monopolstellung von Google beschäftigt, desto deutlicher sieht man zunächst einmal zwei große Gruppen von Menschen, die an den Überlegungen offensichtlich gar kein Interesse haben: Zum einen gibt es diejenigen, die immer schon wussten dass Google böse ist und die deshalb jetzt darauf bestehen, dass Google gefälligst Geld an die Verlage und die GEMA und die Netzprovider abgeben sollte und Datenkrake und überhaupt. Zum anderen gibt es die sehr viel größere Gruppe derer die finden, dass Google einfach ein innovatives Unternehmen mit der besten Suchmaschine ist und von Monopol könne ja wohl keine Rede sein, denn man könne ja bitte gern eine der vielen anderen Suchmaschinen benutzen und selbst wenn, dann sei das Monopol ja wohl mehr als verdient und man habe ja wohl gar keine Ahnung vom Internet und überhaupt.

Ich will diese beiden Positionen einfach mal außen vorlassen, denn weder glaube ich dass Google bösartig ist, noch dass sie ihren Erfolg ganz allein der eigenen Innovationskraft und Geschäftstüchtigkeit verdanken. Und wir sollten auch noch einmal die Prämissen der Debatte festhalten: die Marktwirtschaft ist auf Wettbewerb angewiesen und Monopole sind sowohl schädlich für die Wirtschaft als auch ungerecht für die gesamte Gesellschaft. Wer hier widersprechen möchte soll das gern tun, aber bitte nicht im Rahmen der Debatte „Entwickelt sich Google gerade zum Suchmaschinen-Monopolisten und wenn ja, was kann man dagegen tun?“

Für meine bisherigen Beispiele monopolartiger Strukturen in der digitalen Welt hab ich ja immer einen klaren Hauptschuldigen gefunden:
1) Facebook: Netzwerkeffekte (kombiniert mit Lock-In)
2) Windows: Lock-In (kombiniert mit Netzwerkeffekten)
3) Wissenschaftsverlage: Nicht-Rivalität digitaler Güter (Grenzkosten nahe 0)

In Teilen kann man diese drei auch bei Google entdecken: Netzwerkeffekte ergeben sich durch immer mehr User, die immer mehr klicken und damit den Suchindex immer weiter verbessern und somit immer mehr User anziehen usw. Der Lock-In-Effekt ist im Falle von Google zum Glück recht schwach ausgeprägt, mein GoogleFreeMe-Projekt zeigt das recht eindrucksvoll. Aber die Nicht-Rivalität des Google-Angebots ist unbestritten: ob einer, hundert, tausend oder hunderttausend Menschen Google benutzen, ist dem Kern der Suchmaschine herzlich egal. Höhere Kosten verursacht das jedenfalls fast nicht.

Aber können Netzwerkeffekte und Nichtrivalität allein erklären, warum es mit Google und bing/Yahoo de facto nur noch zwei ernstzunehmende Player im „Markt“ der Suchmaschinen gibt? Nun, das brauchen sie zum Glück nicht, denn sie bekommen Unterstützung von Kollege „Markteintrittshürde“. Einen Suchindex aufzubauen ist teuer. Richtig teuer. Niemand hat die Illusion, mit einer kleinen Softwarebude morgen gegen Google antreten zu können, denn unglaublich hohe Fixkosten und sehr geringe Grenzkosten führen zu ausgeprägten Skaleneffekten. Angesichts von Milliardenverlusten mit bing kann Microsoft sicher ein Lied davon singen. Aber selbst wenn ich mich hinsetze und eine Suchmaschine programmiere um mitspielen zu können im „Markt“, und selbst wenn ich ein Jahr lang Venture-Kapital verbrenne, um einen Suchindex vom Internet aufzubauen – in dem Moment wo ich aufgebe, stehe ich mit leeren Händen da. Denn wer sollte mir einen halbfertigen Suchindex abkaufen wollen, es gibt ja schon einen sehr guten von Google, und einen zweiten sogar von bing/Yahoo. Die entstandenen Kosten sind irreversibel und damit „versunken“.

Auch ganz intuitiv muss man zustimmmen, dass im konkreten Fall einer Internet-Suchmaschine die Gesamtkosten zur Bereitstellung des Gutes deutlich niedriger sind, wenn nur ein Unternehmen und nicht mehrere konkurrierende Unternehmen den Markt versorgt. Das ist die Wikipedia-Definition eines „natürlichen Monopols“. Zwei oder drei verschiedene Internet-Suchmaschinen sind vielleicht genauso unnötig wie zwei oder drei verschiedene facebooks und zwei oder drei verschiedene Stromnetz-Betreiber. Und wenn man sich erstmal mit dem Gedanken anfreundet, dass Suchmaschinen tatsächlich ein natürliches Monopol besitzen könnten, dann ist es auch völlig egal ob der aktuelle Monopolist Google oder bing oder Yahoo heißt. Denn es wird immer nur einen geben, und das ist in einer Marktwirtschaft ganz offensichtlich Mist.

Fairerweise sollte man noch erwähnen, dass es die Theorie der sog. „bestreitbaren Märkte“ gibt, in denen der Monopolist allein dadurch diszipliniert wird, dass potenzielle Konkurrenten mit Markteintritt drohen. Interssant, dass ich denselben Patrick Bernau von der FAZ, der diesen Beitrag hier einleitet, schon einmal zitiert habe: in „Klubgüter und Natürliche Monopole“. 2007 vertrat er nämlich in einer Erklärung zu Internet-Monopolen noch genau diese These: „dass neue Konkurrenz jederzeit möglich ist.“ Auch heute ist das übrigens Googles Lieblingsargument gegen Monopol-Bedenken, ihr ehemaliger Chef Eric Schmidt behauptete gern, die Konkurrenz sei „nur einen Klick entfernt“. Voraussetzung für einen „bestreitbaren Markt“ sind allerdings niedrige oder keine Eintrittshürden. Das Argument darf man wohl getrost weglächeln.

Wie also mit dem Problem des natürlichen Monopols umgehen? Nochmal Wikipedia, es gibt wohl drei klassische Wege.
1. Staatsmonopol – aussichtslos und wohl kaum wünschenswert.
2. Marktregulierung durch Höchstpreisvorgaben oder Zerschlagung – absurd im Fall von global agierenden Internet-Unternehmen.
3. Unbundling.

Wow, Entbündelung. Einmal nachdenken. Kopfschütteln. Nochmal nachdenken. Hm. Drüber schlafen und weiter nachdenken. Zwischendurch mal YaCy ansurfen. Später vielleicht mal drüber bloggen.

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Ein Kommentar zu “Marktwirtschaftsversagen #4: Google

  1. … und dann feststellen, dass YaCy gerade bei 90 Peers rumdümpelt: http://www.yacystats.de/network,overviewyear.html

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